Mit der Lizenz zum Siegen

Im dritten aufeinanderfolgenden Jahr machte ich mich um 4.30 Uhr in Göttingen auf den Weg nach Uelzen, um beim 11. O-See-Triathlon zu starten. Eine Veranstaltung, welche wie unser Kali-Man auch, von herausragendem ehrenamtlichem Engagement getragen wird. Während im ersten Jahr noch auf die Sprintdistanz, war ich wie im Vorjahr über die Mitteldistanz (1,9 - 87 - 21 km) gemeldet. Da der bisherige Saisonverlauf schon von Erfolg gekrönt war, liebäugelte ich auch über die Mitteldistanz mit dem Landesmeistertitel meiner Altersklasse. Es sollte ein Charaktertest werden.

Das Schwimmen, noch immer mein Handicap, war im Grunde der angenehmste Teil aller drei Disziplinen. Drohte eine Woche vor dem Wettkampf angesichts hochsommerlicher Witterung und Wassertemperaturen des Oldenstädter Sees bis zu 25 Grad noch ein Neoverbot, sah es am Morgen des Wettkampftages ganz anders aus: Wasser 19 Grad, Luft 14 Grad und anhaltender Nieselregen. Die meisten Teilnehmer versuchten das Positive an den Umständen zu sehen. So auch ich: Wenigstens Neofreigabe!! Für jemanden, der das Kraulschwimmen erlernt hat, als andere bereits ein Leben nach dem Triathlon planten, ein zeitwerter Vorteil. So kam ich nach zwei Runden über den gut markierten Schwimmkurs und 1,9 km in 31:53 Minuten aus dem Wasser. Das lästige Auspellen in der Wechselzone hätte ich mir sparen sollen, denn den Kälteschutz hätte ich gerne auf dem Rad angelassen. Denn was nun folgen sollte war „Gänsehaut-feeling“. Lufttemperatur 14 Grad, böiger Wind, der Einteiler noch nass vom Schwimmen und von oben beständig Feuchtigkeitsnachschub. Ich sehnte mich zurück in die Badewanne zu Beginn des Wettkampfes. Zähneklappernd auf dem Auflieger kauernd erinnerte ich mich an die Worte einer ebenfalls triathlonbegeisterten Freundin vom Vortag. Diese begegnete meiner Jammerei über die Wetterprognosen für den Wettkampftag: „Aussteigen ist keine Option!“. Mit einem DNF konnte ich also nicht zurückkehren und schließlich kam jetzt meine stärkste Teildisziplin. Sie sollte das Herzstück des Race Plan für den Angriff auf meinen dritten Landesmeistertitel der Altersklasse SEN40 männlich in 2018 sein. Also machte ich mich auf die erste von vier Radrunden auf der flachen aber windanfälligen 88 km langen Rundstrecke – die Wattzahlen des Leistungsmessers meiner Pacingstrategie immer im Blick. Von Platz 30 nach dem Schwimmen konnte ich mich mit einer Radzeit von 2:24 Stunden bis auf Platz 11 vorschieben. So bot sich für einen eher mäßigen Schwimmer wie mich in der Wechselzone mal ein ungewohntes Bild von viel Platz in den Radständern. Beflügelt von diesem Eindruck machte ich mich auf die erste von acht Laufrunden. Zunächst noch unter dem Eindruck bald einsetzender Oberschenkelkrämpfe begann die Mission Landesmeistertitel in greifbare Nähe zu rücken. Die im Vorfeld des Wettkampfes ausgespähten Titelkonkurrenten, alles wesentlich schnellere Schwimmer, konnte ich auf dem Rad ein- und überholen. 

In der Annahme um einen beruhigenden Vorsprung von drei bzw. sieben Minuten auf die nächsten Verfolger ging ich die abschließenden 21 Laufkilometer kontrolliert an. Das Laufen auf Eisklötzen erwies sich auf den ersten Kilometern eh als hinderlich.  Da der Magen nach zwei Litern Kohlenhydratmischung und einigen Cola-Gels während des Radfahrens bereits rebellierte, kam kein Verlangen nach weiterer Rennverpflegung auf. Eine Mischung aus Titellust und regelmäßiger Ankündigung zu Neige gehender Energiereserven riefen mich immer wieder zur Vernunft. Her mit dem klebrigen Zeug und stell dir vor, es wäre Hefeweizen-Konzentrat, sprach ich einige Male mit mir. Mit einer Zeit von 1:31:40 Stunden für den Halbmarathon erreichte ich nach insgesamt 4:31:51 Stunden die Ziellinie. 

Nach kurzem Austausch von Herzlichkeiten mit den Unterstützern aus dem Familienkreis galt die Aufmerksamkeit den Live-Ergebnissen. Und zunächst machte sich leise Enttäuschung bei mir breit, war ich dort doch nur als Zweitplatzierter mit einem Rückstand von 2:26 Minuten auf den Sieger meiner Altersklasse aufgeführt. Mit der ernüchternden Kenntnis um einen schnelleren Konkurrenten, welchen ich – warum auch immer - nicht auf der Rechnung gehabt zu haben schien, der Erschöpfung und unter Rücksicht auf die bereits lange im Regen ausharrenden Eltern verließen wir noch vor der Siegerehrung die Wettkampfstätte. Dank mobilem Internet und zurückkehrender geistiger Kräfte konnte ich die Irritationen um die Platzierung noch auf der Rückfahrt klären: Der Sieger der AK SEN1 männlich war ohne Startpass angetreten. Er wurde nicht in den Siegerlisten der Landesmeisterschaften sondern nur in der offenen Wertung geführt. So hatte ich es dann schwarz auf weiss im Display meines Smartphones: Bastian Käter, niedersächsischer Landesmeister im Triathlon über die Mitteldistanz in der Altersklasse SEN1 männlich.

Gänsepelle für alle gab es aufgrund der Nachricht über die gesundheitliche Verfassung eines kollabierten Mitstreiters. Markus Hecker begrüßte jenen Finisher im Ziel, welcher seinen Wettkampf unterbrochen hatte, um einem mit Herzstillstand verunglückten Athleten Ersthilfe zu leisten. Nachdem wir zudem erfuhren, dass der junge Athlet ins Leben zurückgeholt werden konnte, machte sich unter uns Anerkennung, Dankbarkeit und Erleichterung breit. 

Ich möchte mich hier für das alljährliche Sponsoring des Startpasses der DTU durch die Triathlonsparte des TSV Bokeloh bedanken.

geschrieben von Bastian Käter

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